Baukasten : Schaukasten

 

Die virtuelle Tanzuniversität als Propädeutikum für eine praxisorientierte Tanzwissenschaft

Die institutionelle und akademische Verbindung von Tanz und Wissenschaft existiert im deutschsprachigen Raum erst seit kurzer Zeit. Es handelte sich in Europa – über mehrere historische Formationen hinweg – um eine Wissensform, deren spezifisches motorisches wie referentielles Wissen unterhalb der jeweils erforderlichen Wissenschaftlichkeit ange-siedelt war und die lange keinen akademischen Status hatte. Der Tanz generierte einen heterogenen, nomadischen Typus von Wissen, der mittels verschiedener Medien (Körper, Schrift, Bild) übertragen und archiviert wurde. Nun beginnt dieses nomadische Wissen, das im 20. Jahrhundert bei anderen Kunstwissenschaften (Literaturwissenschaft, Theaterwissenschaft, Musikwissenschaft) Unterschlupf gefunden hat, sich als eigene Wissenschaft zur formieren. Gerade eine sich – im Zuge des „performative turn" und der langfristig zu beobachtenden Dekonstruktion der gesamten Architektonik von Kultur und Wissenschaft – institutionalisierende akademische Tanzwissenschaft muss sich der Herausforderung stellen, ein per se diskontinuierliches, partikuläres Wissen in Lehre und Forschung zu ordnen, zu reflektieren, zur Diskussion und zur Verfügung zu stellen. Die Paarung von unterschiedlichen Wissensformen, besonders die von referentiellem und motorischem Wissen, erfordert nicht nur Kreativität im Denken, sondern auch immer wieder die (Neu-)Findung, Verwandlung und kritische Überprüfung der methodischen Herangehensweisen.

Das Projekt Virtuelle Tanzuniversität versteht sich als Propädeutikum, das auf die Idee und langjährige Lehrerfahrung von Claudia Jeschke zurückgeht. Im Sinne einer praxisorientierten Tanzwissenschaft wird Wissenschaftshistoriographie mit Fragen der Ausbildungs- und Aufführungspraxis verknüpft. In enger Zusammenarbeit mit mir (und in diversen Team-konstellationen) sind vier bzw. fünf Lehrveranstaltungen aus der tanzwissenschaftlichen Studieneingangsphase als E-Learning-Kurse (in Deutsch und Englisch) speziell für die Zielgruppe von Tänzerinnen und Tänzern in Bachelor-Tanzausbildungsprogrammen an Akademien und Hochschulen entwickelt worden. Das virtuelle Format macht es möglich, je nach Bedarf und Vorkenntnissen der Benutzerinnen und Benutzer von Salzburg aus in Kooperation mit den interessierten Ausbildungsstätten die Module schnell und flexibel an spezifische Gegebenheiten anzupassen. Die Vertiefung, Diskussion und Reflexion des Wissens erfolgt durch Präsenzlehre vor Ort.

Das besondere Gefüge aus Derra de Moroda Dance Archives und der akademisch fundierten Salzburger Tanzwissenschaft bildet die Grundlage, um weniger verbreitete und sonst nur schwer zugängliche historische Materialien und zeitgenössischen Diskurs mittels neuer Medientechnologien miteinander in Beziehung zu setzen. Die Kurse integrieren (aktuelle und historische) Text- und Bildmaterialien, Primär- und Sekundärliteratur, kleine Videoausschnitte und interaktive Tools.

Zu den gegenwärtigen Umwälzungen der Lehre und Forschung zählt auch die entortete Virtualisierung des Raumes, der Diskussion und der Archivierung. Die neue technische Stufe der Virtualisierung wird für die von der Salzburger Tanzwissenschaft ausgehende Lehre und Forschung genutzt. Denn was in der Tanzpraxis schon länger gebräuchlich ist, findet in der Tanzwissenschaft noch wenig Verwendung: die Erarbeitung, Vermittlung und Verbreitung von Tanz-Wissen in computergestützter, digitaler Form. Tanz als kulturelle Praxis steht bei oberflächlicher Betrachtung in evidentem Gegensatz zu neuen Medien. Noch immer werden Materialität / Körperlichkeit (Tanz, Theater, Performance) und Virtualität / Abstraktion (neue Medien) implizit als Oppositionsmodell konstruiert. Dieses tendenziell statische Modell gerät nicht erst durch eine zeitgenössische kulturwissenschaftliche Herangehensweise und über eine Applikation von Theorien des Medialen auf den Tanz ins Wanken. Abstraktion und Virtualität (des Körpers, der Bewegung) sind schon immer ein wesentlicher Aspekt des Tanzens und des Tanzdiskurses gewesen. Vor allem Tanznotate und Tanznotationen aus fünf Jahrhunderten dokumentieren die tanzhistoriographisch jeweils relevanten Vorstellungen von Tanz, Bewegung, Körper, Raum und Zeit. In manchen Ordnungen und Systemen (wie der Feuillet-Beauchamp-Notation oder Nijinskys Notaten) zeigt sich ein hoher Virtualisierungs- und Abstraktionsgrad im Denken über und in der Systematisierung von Tanz, Bewegung und Körperlichkeit. Gerade die räumlichen Dimensionen des Tanzes und seine spezifischen medialen Konstrukte könnten in digitalen Übersetzungen re/visualisiert und wieder in Bewegung versetzt werden. Die virtuelle Tanzuniversität versucht auch im Sinne der Historiographie, gewesene Bewegungen, Verfahrensweisen, Prozesse und Kräfte zu re/konstruieren oder zeitgenössische Prozesse zu dokumentieren.

Die Verständigung von Tanz und neuen Medien verspricht ein Eintauchen in die Denkweise und Operationalität des Tanzes, des Tanzens, der Bewegung. Darüber hinaus schafft die mediale Aufarbeitung und Präsenz von Tanz-Wissen vor allem Durchlässigkeit – eine Voraussetzung, die neue Wege des Denkens über Tanz wie auch mit dem Tanz eröffnet. Die Einrichtung einer virtuellen Tanzuniversität mit mobilen und flexiblen Möglichkeiten der Kursgestaltung hat – im Gegensatz zu einem in die Tanzwissenschaft einführenden publizierten Standardwerk – den Vorteil, dass die einzelnen Module kontinuierlich über-arbeitet werden können. Dieses Format kommt einem prozessorientierten Verständnis der tanzwissenschaftlichen Wissensgenerierung und Vermittlung entgegen.

Gekürzte Fassung aus
Nicole Haitzinger: Baukasten: Schaukasten. Die Virtuelle Tanzuniversität als Propädeutikum für eine praxisorientierte Tanzwissenschaft. In: Claudia Fleischle-Braun / Ralf Stabel (Hg.): Tanz. Forschung und Ausbildung. Berlin: Henschel Verlag, 2008. S. 232-237.