Tanz ohne Namen

Exotische Tänzerin mit Schleier - Lithografie - 19. Jahrhundert - DdM ic C 155 Lecture-Demonstration: Re-Staging ‘Einst und Anderswo / Einst im Anderswo. Eine Annäherung an den Begriff des Nationalen im Tanztheater des 19 Jahrhunderts’ in dem Versuch, mittels Vorgängen des Lesens, Zeigens, Hinweisens mit Texturen des Fremden, Unlesbaren, Verhandelten, Monströsen in Berührung zu kommen.

Die imaginäre Kraft des Orient durchdringt meine Auseinandersetzung als europäische Frau auf viele Art. Interessanter Weise ist es ausgerechnet das Phantasma der unabhänigen, starken Frau. Einer Frau, die Möglichkeiten gefunden hat mit Gewalt umzugehen, ohne daran zu zerbrechen; die mit ihrem Körper, ihrer Sexualität und dessen natürliche Zyklen potenziell im Einklang leben kann. Es sind die Mythologien der große Göttinnen und fantasierten Matriarchate, die diese Vorstellung seit meiner Jugend nähren. Mittlerweile betrachte ich diese Fantasien lieber als Spiele, die Erfahrungsräume befragen und nicht als ideologische Wahrheiten.

Baladie: Baladi bedeutet „vom Lande“ oder „vom Lande kommend“ – Adjektiv von Balad. Die Bedeutung von „mein Land“ (Personalendung i für „mein“) bezieht sich in diesem Fall auf den Tanz.

Baladi -Tänzerinnen merkten bald, dass ihr Tanz oft anders genannt wurde, wie zum Beispiel „dans du ventre“ (Bauchtanz), ein hoochie kooch (nach den kooch Tänzerinnenaus Indien). Dieser Begriff sorgte für noch mehr Verwirrung. Die Tänze aus der Türkei, Ägypten, Syrien, Persien und Indien wurden durcheinander gewürfelt und „orientalisch“ genannt. Es machte nichts mehr aus, aus welchem Land die Künstlerin kam. Es wurde erwartet, dass sie eine Performance von dem geben würde, was den vielen Geschichten des ägyptischen Baladi entsprach.

Inderin, Algerierin, Ägypterin? Tanzt sie außerhalb von Kairo, weil sie vertrieben wurde? Ist sie Marokkanerin? Oder eine so genannte Zigeunerin, die durch all diese Länder gezogen ist, um sich dann in Andalusien nieder zu lassen? Oder ist sie von ihrer Arbeit auf der Weltausstellung 1851 in London, oder 1867 in Paris schnell aufs Land gefahren und gibt sich dort, fern von allem Ausgestellt-Sein, endlich wieder ihrem Tanz hin?

Anpassungen
Aneignungen
Gedächtnispotenziale
Ermächtigungen
Aufklärungen
Empfindsamkeiten

Im Islam ist das symbolische Haus der Schleier. Hijab, wort- wörtlich Vorhang. Die arabische Sprache macht keinen Unterschied zwischen Abtrennung und Verschleierung. Der Koran stellt das „portative Vaterland“ der islamischen Diaspora dar, der Schleier das „portative Mutterland“.

Haus. Domizil. Ziel. Ziellos. Zigeuner. Ziehen. Zieren. Spazieren. Zieren. Verzieren. Platzieren. Position verzieren. Position verzehren. Position verzerren. Positionieren. Posieren. Spazieren. Umherziehen. Haus in Bewegung. Haus der Begegnung. Selbst, wenn diese Bewegung nur die Schwingung des Atem ist. Für die Erde: durch die Nase ein- und ausatmen. Für das Feuer: durch den Mund ein und die Nase ausatmen. Für das Wasser: durch die Nase ein- und den Mund ausatmen. Für die Luft: durch den Mund ein- und ausatmen. Für alles, was Unsichtbar ist, durch die Nase ein- und ausatmen. Ganz sanft. Wie das riechen an einer Blume.

Exotismus
Imperialismus
Patriachat
Prostitution

Quellen:

Derra de Moroda Dance Archives: [Exotica]. Lithografie aus dem 19. Jahrhundert ohne weitere Angabe.

Buonaventura, Wendy: De Slang van de nijl. Vrouwen en dans in de Arabische wereld. Amsterdam: Uitgeverij Bulaaq 2010.

Jeschke, Claudia; Vettermann, Gabi; Haitzinger, Nicole: Interaktion und Rhythmus.Zur Modellierung von Fremdheit im Tanztheater des 19. Jahrhunderts. München: epodium 2010.

Holzer, Sabina: “approaching myself as a stranger“, eine performative Lesung, 2011.