Tanz tradiert und reformiert sich über Körper als Archive wie über Archive als Orte, die immer auch von Körpern handeln, und die der sammelnden wie rezipierenden Körper bedürfen. In diesem Sinn sind Archive zeitgenössisch. Ihre Bedeutung gewinnen sie u.a. aus der Beobachtung, dass in der Tanzgeschichte immer dann vermehrt mit der Denkfigur wie dem Ort des Archivs umgegangen wird, wenn sich Umbrüche des Tanzes/Wissens andeuteten oder manifestierten.

Mit der im Oktober 2004 als akademische Disziplin an der Universität Salzburg etablierten Tanzwissenschaft verknüpfen sich neue Denkfiguren mit dem Ort und, was wichtiger ist, mit den dokumentierten wie verborgenen Denkfiguren eines der international bekanntesten und umfangreichsten Archive zum Tanz, den Derra de Moroda Dance Archives. Die dort präsenten Materialien machen historisch relevante Strategien und Operationen des Tanzens und des Wissen-Schaffens über Tanz bewusst; deren Re-Konstruktionen erfordern ständige wissenschaftliche wie künstlerische Akte des (Neu-)Schreibens und (Neu-)Tanzens. Das heißt: Die Sammlung selbst wie auch der Vorgang des Sammelns spiegeln historisch exemplarische wie persönliche Denk- und Tanzfiguren des 20. Jahrhunderts und ihren jeweiligen Blick auf Geschichte. Sie bilden die Materialbasis sowie die Vision einer Forschung, die Tanz-Wissen aus seiner geschichtsschreibenden und kulturellen Vielfalt und Komplexität (re-)formiert.

Derra de Moroda ordnete die Materialien ihres Archivs chronologisch nach dem Erwerbsdatum und stellte sie in einer ‚bedeutungslosen' Reihenfolge nebeneinander – ein Verfahren, das die Katalogisierung der Neuzugänge bis heute bestimmt. Der Willkürakt der inhaltlichen Bedeutungszuweisung ist durch dieses einfache Konzept gemildert, und er öffnet in seiner Zufälligkeit Räume des Neu-Denkens, Neu-Vergleichens und der Neu-Erfindung der Tanzgeschichte. Im Unterschied zu anderen Archiv-Orten hindern wenige Ge- und Verbote, Zugriffcodes oder Regeln die Lektüre.

Fifteen years of a dancer's life Der Theorie-Praxisbezug der Tänzerin, Pädagogin, Choreografin, Forscherin, Journalistin und Sammlerin Derra de Moroda wie ihre Internationalität manifestieren sich in einer integrativen Sicht auf den Tanz und auf das Tanzen. Das Sammlungskonzept der radikalen Enthierarchisierung macht die Freilegung von Bewegungs- und Körperkonzepten in verschiedenen historischen Formationen sowie in der zeitgenössischen Kunst möglich.
Mit ihrem Fokus auf die experientiellen, motorischen Qualitäten von Tanz und das Verständnis von Bewegung als performativer Aktion löste Derra de Moroda – in einer frühen Form transdisziplinärer und auf kulturelle Praktiken ausgerichteter Theoriebildung – die in der Tanzgeschichtsschreibung bis dato (und auch weiterhin) perpetuierten Dichotomien (Theorie/Praxis, High Art/Low Art, Ballett/Ausdruckstanz wie die ästhetische Separierung in Bühnentanz, Gesellschaftstanz und Folklore) auf: Das nicht linear-historisch oder hierarchisch organisierte Programm der Derra de Moroda Dance Archives lässt die Mechanismen von Entwertung und Ausgrenzung aufscheinen. Anstelle des Versuchs der materialisierten Erstellung einer versprachlichten, geradlinig gedachten und an Kunsttanz orientierten Tanzgeschichte tritt die scheinbar regellose Präsentation von visuellem und textlichem, historischem und zeitgenössischem Material über Bewegung. Dieses Format der (Re-)Präsentation kopiert in seinem Verzicht auf eine Synthese das Dispositiv des Archivs, das die Unabschließbarkeit der Historiografie dokumentiert. Der vielleicht unmögliche, doch versuchte Gestus der Präsentation von Bewegung kann als subversiver Widerstand gegen eine herrschaftliche Wissenskultivierung gelesen werden.

Dieser Gestus bildet die Grundlage der Tanzwissenschaft in Salzburg – in und mit einem Archiv, das wie wenige die topologische und nomologische Dynamik des Tanzgedächtnisses aufruft: Die dem Archivgedanken verpflichtete Tanzwissenschaft wird sich der Bewegung in Konzept und Choreografie widmen. Der Fokus auf Bewegung zeigt, dass die Körper im Tanz nicht nur Projektionsflächen von (kulturellen) Diskursen sind, in denen Aussage und Sichtbarkeit in Prozessen der (semiotisierbaren) Kodierung wie der De-Kodierung aufeinander treffen und sich überkreuzen. Das virulente Zentrum des Tanzes ist auch bestimmt von der Erinnerung der Körper, ihrer kinetischen wie kinästhetischen Erfahrungen, die nicht in ein semiotisches System eingeschlossen werden kann. Tanz hat einen heterogenen Typus von Wissen generiert und tut das weiterhin. Der Blick auf die Gegenwart kann nur dann ein diagnostischer sein, wenn die Analyse wie Historisierung von Bewegungs-, Wirkungs- und Körperkonzepten als je spezifische Kodierungen als privilegierte Forschungsfelder definiert werden. Dazu ist unumgänglich, dass die Tanzwissenschaft die Geschichte ihrer Forschung problematisiert beziehungsweise die Bedingungen analysiert, unter denen sich die wissenschaftlichen Gebilde konstituieren. Zentral für alle Aspekte der Salzburger Tanzwissenschaft ist die als Leitfrage formulierte komplexe Beziehung zwischen Theorie und Praxis. Theorie ist nie nur Applikation in der Praxis und vice versa; vielmehr funktionieren Aktionen der Theorie und Aktionen der Praxis im Tanz in einem dichten Gefüge von Bedeutungen und Übertragungen. Seit Jahrhunderten sind Tanztheorie und -praxis auf Reisen, nomadisch und generieren ein mobiles Netzwerk.

Jedes kulturelle Gedächtnis ist nicht nur Sprach- und Bildgedächtnis, sondern es ist auch Bewegungsgedächtnis. Dass Tanz und Bewegung nicht nur als Metaphern für allgemeine Tatbestände gedacht, sondern als Ereignisse erfahrbar und diskusivierbar gemacht werden: Darin liegt der konzeptionelle und epistemische Angelpunkt der Derra de Moroda Dance Archives und ähnlich, der eines jeden – als korporal oder topografisch verstandenen – Tanzarchivs.

Gekürzte und überarbeitete Fassung aus

Claudia Jeschke und Nicole Haitzinger: Körper und Archive. Die Derra de Moroda Dance Archives in Salzburg. In: Johannes Odenthal (Hg.): Tanz.de - Zeitgenössischer Tanz in Deutschland - Strukturen im Wandel - Eine neue Wissenschaft. Berlin: Theater der Zeit, 2005. S. 29-31.