Theater als Geschichte der Gegenwart

Das Theater am Beginn des 20. Jahrhunderts ist vielfältig an Reformen und der Suche nach neuen Wegen. Ähnliches ist für den sogenannten modernen Tanz zu konstatieren. Während in der europäischen Neuzeit Tanz hauptsächlich als Kunst des Balletts mit der Theaterinstitution verbunden war, entfaltet  sich um Jahrhundertwende der sogenannte moderne Tanz als autonome und individuelle Kunstform. Dank der Kooperation zwischen den Derra de Moroda Dance Archives/Tanzwissenschaft der Universität Salzburg und dem Museum der Moderne ergibt sich eine Möglichkeit, hinter die Kulissen der Vergangenheit zu blicken.

Der zeitliche Schwerpunkt der Ausstellung um die 1920er Jahre stellt nicht nur für den Tanz eine Zeit des Umbruches dar, sondern ist auch im Kontext einer allgemeinen Erneuerung der szenischen Künste zu sehen. Wie der Tanz sucht das  Schauspiel jener Zeit neue Formen des Ausdrucks und experimentiert mit der Verbindung verschiedener Kunstformen.

Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts können die Theorien Edward Gordon Craigs als wegweisend für holistische Strömungen im modernen Theater betrachtet werden. Diese decken sich mit den tänzerischen und choreografischen Konzepten seiner engen Vertrauten Isadora Duncan, die speziell von Hans Brandenburg in Der moderne Tanz (1913) als Begründerin eines neuen Tanzes gefeiert wird. Als bezeichnend können hier die Bestrebungen einer ganzheitlichen Verbindung verschiedener Künste gelten; auch andere bis heute bedeutsame ProtagonistInnen der Zeit, wie Stanislawski, Reinhardt oder Brecht lassen sich trotz unterschiedlicher Ausprägungen dieser Idee zuordnen. Allen gemeinsam ist die Integration von Bewegung und Tanz in das Sprechtheater, Musikalität und die verstärkte Einbeziehung bildender Kunstschaffender für Bühnenbild und Ausstattung.

Konkreter Bezug dazu findet sich im Ausstellungskonzept als auch einzelnen Exponaten aus den Derra de Moroda Dance Archives. Hier lassen sich Verbindungen meist nicht direkt ziehen, sondern erschließen sich erst durch eine mehrschichtige Vernetzung. Wie im Archiv selbst obliegt es dem Besucher, Spuren zu erkennen und ihnen zu folgen: Fotografien im „Archivraum“, Exponate des „Notationsraums“ und Korespondenzen verweisen beispielsweise auf den Tänzer Alexander Sacharoff, der mit dem Maler und Bühnenbildner Kandinsky eng zusammengearbeitet hat, wie in Lecture Performances von Claudia Jeschke ausgelotet wurde.

Eine zeitgenössische Position nimmt Eszter Salomon mit ihrem Werk Love Letters to Valeska ein: Sie tritt in einen künstlerischen Dialog mit der jüdischen Tänzerin Valeska Gert der 1920er und 1930er Jahre. Die Rauminstallation reduziert die Wahrnehmung auf die Stimme als Element der experimentellen Performancepraxis und verweist so auf das ebenfalls in jener Zeit aufkommende Phänomen des ‚Radio Play‘ – also „Radiotheater“.

Die quasi klassische Verbindung von Sprache und Körperlichkeit findet sich wiederum in der Theatralität der raumfüllenden und lebensgroßen Videoinstallation von Andrea Geyer oder in den performativen und mediatisierten Arbeiten von Jonathan Burrows.

Der Weg der Besucher ist als performatives Erlebnis auf Spuren des Vergangenen konzipiert. Das vermeintlich Gewesene wird durch die Auftragswerke der zeitgenössischen KünstlerInnen neu kontextualisiert und erschlossen. Theaterkenner sind noch bis zum 3. Juli eingeladen, sich auf eine persönliche Reise zu begeben und sich ein gegenwärtiges Bild über die Relevanz von Archiv zu machen, das alles andere als verstaubt in Erscheinung tritt.

Monika Urbonaite und Jan-Felix Wall als Bericht für ein Theatermagazin.

Schreibe einen Kommentar