„Braucht es mich als Subjekt?“ – Interview mit Philipp Gehmacher

Ein Interview vom 23. März 2016 mit Philipp Gehmacher über seine Arbeit im Museum der Moderne von Laura Unger

LAURA UNGER: Philipp, wie kam es vom Konzept zur deiner konkreten Arbeit im Museum der Moderne?

PHILIPP GEHMACHER: Kurz gesagt: Ich habe die Einladung bekommen, mich zum Derra de Moroda Archiv künstlerisch in Bezug zu setzen. Nach einem Besuch im Archiv reichte ich ein Konzept ein. Mir wurde dann ein Raum im Museum zugesprochen, mit dem ich vor Ort gearbeitet habe und versucht habe, ihn zu verstehen. Schlussendlich entstand eine Arbeit aus zwei Objekten und dem Raum.

UNGER: Du hast also zu Beginn die Derra de Moroda Dance Archives besucht, was hat dich dort besonders beschäftigt?

GEHMACHER: An dem ich am meisten hängen geblieben bin, das waren die ersten Ausgaben der Zeitschrift „Der Tanz“. Dieser Versuch der Tanzkritik, zu schreiben, die Tanzkunst per se zu beschreiben, das hat mich interessiert. Die Fragen und Projektionen auf Tanz waren vor neunzig Jahren teilweise  ähnlich wie heute. Die Ausdifferenzierung zwischen Tanzkunst und Bewegungskunst zum Beispiel. Diese Unterscheidung hört man zum Teil auch heute noch: „You’re a dancer“ oder „You are more the mover“. Da steckt so eine eigenartige Projektion und Wertigkeit drinnen. Eine weitere Kontinuität ist die Gegenüberstellung von Freiheit und Form. Der freie Tanz mit seiner emanzipatorischen Komponente im Gegensatz zum Streben nach Form und der Begeisterung für Technologie. All diese Dinge haben mich beschäftigt: das Bestreben, die Sehnsucht und letztendlich auch die Ideologie des Modernismus.

UNGER: Wie hast du dich dann im Bezug auf deine Arbeit zum Archiv positioniert?

GEHMACHER: Vieles im Archiv ist mit sehr fern, weil so ein bestimmtes Verständnis von Körper als tänzerisches Medium vermittelt wird. Ich habe mich gefragt, wie wichtig mir eigentlich Tanzgeschichte ist? Mich dann dazu zu verhalten, das war gar nicht so einfach. Deswegen hab ich beschlossen, mich mit dem Blick auf Tanz zu beschäftigen, beziehungsweise mit der Frage in welchen Räumen der Tanz stattfindet. Parallel zur Geschichte der Black Box und des White Cubes beschäftigte ich mich also mit den Raumbühnenentwürfen des frühen 20. Jahrhunderts. Die ganz frühen Schriften von Edward Gordon Craig, in denen man sich gegen die illusionistischen Backdrops und Schauspieler in historischen Kostümen aussprach und sagte: Wir wollen einen leeren, reduzierten Raum, eine abstrahierte Formensprache, die dem Raum eigene, wahrhaftige, essentielle Gefühle gibt.

UNGER: Und wie bist du dann konkret vorgegangen?

GEHMACHER: Mein Konzept war, nicht zu versuchen mit der Abbildung meines Körpers via Video oder Fotografie zu arbeiten, sondern eine skulpturale Arbeit zu machen. In einem nächsten Schritt beschloss ich, nur mit Materialien zu arbeiten, die für mich inhärent in den Räumen der Black Box und des White Cubes eingeschrieben sind. Materialien, die eigentlich in einer gewissen Unsichtbarkeit leben: schwarzer Samt, Bühnenvorhang, Molton, Bodentuch, Tanzboden, weiße Dispersion, Leuchtstoffröhren, Trockenwand. Das ist biografisch motiviert, weil ich die letzten fünfzehn Jahre viel in Häusern und Theatern unterwegs war. Die erste Entscheidung war also nicht klassische Materialien zu verwenden, sondern den Materialien, die in diesen Räumen eingeschrieben sind, eine Sichtbarkeit zu geben. Als ich begann, mit diesen Materialien zu arbeiten, bin ich dann immer mehr beim Tanzboden gelandet.

UNGER: Was ist für dich das Besondere am Material des Tanzbodens?

GEHMACHER: Der Tanzboden ist ein ganz spezielles Material, es ist ein bisschen wie Leder. Ziemlich schwer, es hat einen gewissen Erinnerungswert. Wenn du es einmal zerknüllst, legt es sich wieder, aber es erinnert sich daran, was passiert ist. Deshalb wollte ich mit einem gebrauchten Boden arbeiten, den ich dann nach langem Suchen von der Halle E des Tanzquartiers bekam. Das Schönste an der Arbeit war die Überlegung, das Material, so wie es vor einem liegt, zu akzeptieren. Was kann man damit machen, ohne es zu kürzen, scheiden und verändern, sondern nur mit dem arbeiten, was ist? Das ist fast eine Frage der Materialethik.

UNGER: Du stellst das Material also aus ohne Veränderungen vorzunehmen?

GEHMACHER: Der Einschnitt hat ja irgendwann schon einmal stattgefunden. Irgendjemand hat in der Halle E einmal gesagt: „Hier brauchen wir ein Eck.“ Da gibt es also diesen Ausschnitt auf dem gebrauchten, schwarzweißen Tanzboden, ein Readymade. Da sind auch noch zwei rote Klebespuren darauf, eine rote Schrift und ein Name. So schöne Spuren bekommst du selber gar nicht hin. Diesen Einschnitt kopierte in dann in ein neues, schwarzgraues Tanzbodenmaterial. Das Einzige, was ich dem Material also „angetan“ habe, war, dass ich den Schnitt kopierte. Die Faltung ist natürlich auch von mir. Ich habe die 8-10 Meter Bahnen aufgerollt und sie hängend mit einer Stahlschiene montiert. Sie hängen, berühren aber den Boden, d.h. sie sitzen auch so ein bisschen: lehnen, hängen.

UNGER: Aber warum den Tanzboden an die Wand hängen?

GEHMACHER: Weil mich interessiert wie der Teppich die Wand hochkommen kann. Ich wollte den Teppich aus der Horizontalität herausholen. Die Horizontale als möglicher, sozialer Raum und als Ebene, auf der ich stehe und die mich zusammenhält. Die Vertikale als Ebene, die mich trennt und als Raum des Herzeigens, Aufzeigens, Aufstellens. Die Frage des rechten Winkels, also diese Verbindungen schaffen zwischen Boden und Wand, zwischen Darstellender und Bildender Kunst.

UNGER: Du beschäftigst dich in deinen Arbeiten schon länger mit dem Transfer zwischen Darstellender und Bildender Kunst, der Blackbox und dem White Cube. Was sind für dich die maßgeblichen Unterschiede, wenn du für ein Theater oder ein Museum Arbeiten erstellst?

GEHMACHER: Der große Unterschied im Kunst- und im Tanzdiskurs ist die Frage vom Gegenüber: Wie weit komme ich als Besucherin oder Zuschauerin an das Teil heran? Wird mir das Teil präsentiert? Hat es dadurch nur eine Oberfläche? Wird es mir hochgehalten? Dadurch ergibt sich eine Unterscheidung zwischen Skulptur und Prop. Ist es ein Objekt? Oder ist es ein Prop, weil ich es hochhalte? Wie autonom ist dieses Objekt? Braucht es mich als Subjekt? Die Frage meiner Präsenz war ein sehr wichtiges Thema in der Arbeit. Es war dann der größte Lernprozess zu verstehen, dass diese zwei Teile an der Wand ohne mir mehr ihr eigenes Werk sein können und nicht Prop meiner Idee sind. Wie lernt man Dinge sein zu lassen, auch die eigene Arbeit sein zu lassen. Das war wirklich eine der wichtigsten Momente.

UNGER: Wenn du in diesem Sinne also die BesucherInnen allein mit den beiden Objekten lässt, leitest du sie auf irgendeine Weise an, sich im Raum zu verhalten?

GEHMACHER: Viele Leute gehen zuerst zum Fenster. Wenn man sich dort dann umdreht, sieht man diese zwei Arbeiten und sieht wie diese zusammenkommen. Man muss auch nicht den Wandtext lesen, um alles zu verstehen. Wenn man sich Zeit nimmt, passiert eigentlich sehr viel. Man ist zwar als ZuschauerIn mit den Dingen allein. Aber man ist nicht nur Betrachter dieses Objektes, sondern kann sich selbst als Subjekt finden, verorten. Das Weiß, das Schwarz, das Grau, also diese drei Räume. Sehr einfach, sehr formal und sehr geometrisch dockt sich die Arbeit an die modernistischen Entwürfe an, also diese Sehnsucht nach einer gewissen Abstraktion.

UNGER: Hast du dir bewusst den Raum mit dem Fenster ausgesucht?

GEHMACHER: Es ist eine Gruppenausstellung und die meisten KünstlerInnen teilen sich einen großen Raum. Mir wurde der einzige Raum mit einem großen Fenster zugesprochen. Museumstechnisch gesehen ist das kein guter Raum für Video-Projektion, Zeichnungen oder Malerei. Aber in meinem Fall arbeitet der Raum jetzt sehr stark für mich. Es hat mir sehr gut gefallen den Ausblick als meinen old-fashioned scenographic background zu nehmen. Man sitzt da draußen am Hügel und sieht den Wald, die schöne Natur und ein bisschen Salzburg. Es ist eigentlich ein hoch idyllisches Panorama, wie es Edward Gordon Craig um 1900 nicht mehr als Backdrop der Wagner-Bühne haben wollte. Die Frage von Innen und Außen, Ruralem und Urbanem ist ein großes Thema der Moderne. Welche Zonen schafft die moderne Architektur? Deswegen hängt das eine Objekt direkt gegenüber vom Fenster.

UNGER: Am 27. und 28. Juni wirst du dein Stück „My shapes, your words, their grey“ im Rahmen der Sommerszene Salzburg im Museum aufführen. Wirst du die beiden Objekte in die Performance integrieren?

GEHMACHER: Es wird eine eigene Version von dem Stück My shapes, your words, their grey“ sein. Sie wird auf der Stiege beginnen, durch den ersten Archivraum durchgehen und dann im Raum mit den beiden Objekten enden. Dadurch, dass „My shapes, your words, their grey“ auch mit der Idee des Grauraums arbeitet, passt das ganz gut.

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