„Wer glaubwürdig sein will, muss den ständigen Dialog suchen“ (H. Goldmann)

–          Das Buch von H. Brandenburg, Der moderne Tanz, ist der Ausgangspunkt für die Videoinstallation von Jonathan Burrows gewesen. Nachdem ich das Buch selbst im Archiv angeschaut habe, war es für mich schwierig, Bezüge zwischen dem Material und dem Video zu finden. Ich frage mich: Was wären mögliche Bezüge?

–  Was man nicht wissen kann ist, dass Burrows anfangs eine andere Idee hatte. Es waren Zeichnungen und Beschreibungen geplant, die mit dem Fotomaterial direkt in Verbindung stehen. Aber durch die Zusammenarbeit mit Matteo Fargion und Claire Godsmark änderte sich das Konzept. Der wichtigste Kritikpunk für Jonathan war unser aller einseitiges und begrenztes Wissen. Ein Wissen, das hauptsächlich aus Archivmaterial generiert wird. Ich denke, diese Kritik kann im gesungenen Text hören.

–          Jetzt, wo Sie es andeuten, vermag ich, es aus der anderen Perspektive zu betrachten. Wie hat er die Choreographie für Claire entwickelt?

–  Das hat er nicht. Die Tänzerin hat seine Texte und Skizzen übernommen und als Tanzsprache artikuliert. Sprache ist ein ‚passendes‘ Wort, weil sie teilweise mit verschiedenen Körperteilen Wörter geschrieben hat. Man könnte sagen, dass sie seine Erlebnisse und Gedanken zu  Bewegungsmaterial transformiert hat. Die Struktur dieser Choreographie ist sehr komplex, obwohl es auf einem einfachen Zahlenmuster basiert, das Matteo und Jonathan über viele Jahre für die gemeinsame Arbeit verwendet haben.

–          Und gibt es einen Grund, dass sie nackt tanzt? Ist die Figur als erotisierter Körper zu verstehen?

–  Ganz im Gegenteil. Es ist bekannt, dass es in den 1920er und 1930er Jahren eine Praxis gab, nackt zu tanzen. Ein Phänomen, das sich in den Fotografien zeigt und mit dem Zeitgeist verbunden ist. Undes wird in der Installation ein quasi zweidimensionales Bild vorgetäuscht, das durch die Stimme und Musik dreidimensional wird.

–          Der Körper wirkt sehr materialistisch konstruiert. Kann es sein, dass wir versuchen, den Tanz zu materialisieren, so dass er greifbar wird?

– Im Artist Talk hat Jonathan genau diesen Aspekt erwähnt. Der Tanz in verschiedenen Galerien am Anfang des 20. Jahrhunderts war eine Suche dessen. „Looking for materiality“, wie er sagte.

–          Jetzt muss ich nochmal fragen, was verbindet die Musik mit dem Ganzen? Hat Matteo die Melodie einfach als Begleitung gedacht, oder versteckt sich  mehr dahinter?

–  Es versteckt sich tatsächlich etwas in der Musik, aber es ist nicht die Melodie selbst. Matteo hat sich an Stravinskys Ballettmusik von Les Noces orientiert, die wieder mit dem Inhalt des Buchs und der Zeit in Verbindung steht. Die Behandlung der Stimme ist hier etwas, worauf man achten soll, quasi auf der Suche nach den Spuren von Les Noces. In der Videoinstallation ist aber Jonathans Stimme zu hören.

Ist damit ihre erste Frage beantwortet?

–         Ja. Jetzt sehe ich, wie komplex die Arbeit tatsächlich aufgebaut ist. Aber es gibt noch etwas. Alle drei KünstlerInnen haben unabhängig voneinander gearbeitet, aber trotzdem mit einem gemeinsamen Blick auf die Ideen und Materialien operiert. Es kommt mir bekannt vor.

–  Man darf nicht vergessen, dass Matteo und Jonathan sich in den Kursen für die Choreographie und Komponsition kennengelernt haben, in denen die Figuren  Cage und  Cunningham eine große Rolle spielten. Es lohnt sich, ihre Homepage zu besuchen. Da findet man die Bewegungspartituren der früheren Werke. Vielleicht hilft es, die Ideen dieser Künstler besser einzuschätzen.

–          Kommen wir nochmal kurz zurück zur Kritik am Archiv selbst. Es ist  eine radikale Position die Burrows einnimmt, finden Sie nicht?

– Ich glaube, dass die Kunstwerke keine Wahrheiten präsentieren, sondern unser Denken anregen sollten. Werden Sie nächstes Mal, wenn Sie ein altes Tanzfoto ansehen, sofort daran denken, dass es keinen Sinn hat, dieses Medium als Informationsquelle zu benutzen?

–          Nein, da haben Sie recht. Aber wenn es ein sehr altes Foto ist, werde ich zumindest versuchen, mir die Farben vorzustellen.

 

 

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