Performatives Schreiben: Die mehrdeutige Botschaft der Künste

Es gibt unterschiedliche Gründe ins Museum zu gehen. Manche Menschen kommen aus Neugier, andere aus Leidenschaft. Man trifft TouristInnen, StudentInnen, KunstliebhaberInnen und SkeptikerInnen. Alle beleben im eigenen Tempo den stillen Museumsraum mit ihrer Anwesenheit. Ich komme heute mit einer besonderen Motivation: nämlich ein Werk  aufzuspüren, das ich in einer Live-Performance erlebt habe.

Quasi blind durch die Ausstellung laufend versuche ich die Erinnerungen zu sortieren, die mir helfen sollten, ein Werk besser zu verstehen. Nach einigen Momenten stehe ich in dem Raum, in dem die Bilder von Ulrike Lienbacher auf weißen Wänden gehängt sind und ein mittelgroßer Fernsehapparat die Videoinstallation „Der Moderne Tanz“ von Jonathan Burrows bewahrt. Die Beschreibung verspricht: „Das Werk thematisiert die essentiell ephemere Natur des Tanzes und das Potential, das die Unvermeidbarkeit seines Verschwindens eröffnet.“

Man darf sich vor das Werk setzen, ein „X“ Zeichen ist auf dem Boden markiert. Durch das Aufsetzen der Kopfhörer grenzt man sich von der Außenwelt ab und begibt sich auf eine seltsame Reise.Ich erkenne die Tänzerin, aber sie wirkt  anders, als ich sie in Erinnerung habe. Hat es vielleicht damit zu tun, dass ich in der Live-Performance gemeinsam in einem Raum mit vielen anderen Mensche war? Die Videoinstallation kann man nur zu zweit gleichzeitig anschauen. Es schafft eine sehr persönliche Verhältnis- und Erlebnissituation, die zeitlich unbegrenzt ist.

Aber es unterscheiden sich nicht nur die Umstände der Beobachtung . Die Musik ist nicht mehr personifiziert und ich kann nur ahnen, wer singt und Klavier spielt. Diesmal höre ich mehr, als ich sehe. Es fällt schwer sich auf die Tänzerin zu konzentrieren. Plötzlich freut mich dass, wenn  die Choreographie vermeintlich zum Ende gekommen ist, sich das Geschehen wiederholt. Die gesungenen Wörter ziehen mich bei jeder Wiederholung tiefer in die Welt der Assoziationen hinein. Ich ertappe mich bei dem Versuch, die Tänzerin zu narrativieren. Schließlich wird über s/eine Ehefrau gesungen, die Solistin hat einen Ehering auf dem Finger.

Nach einfacheren Gedankenlinien kommen  komplizierte Zusammenhänge zum Vorschein. Ich verpasse zwei komplette Wiederholungen, weil ich mich mit der Geschichte zu identifizieren beginne und den Sinn und die Sinnlosigkeit der Erzählung auf meine eigene Gefühls- und Erfahrungsebene projiziere. Es fluten viele Fragen durch meinen Kopf. Ein einfaches Narrativ verwandelt sich in ein philosophisches Statement. Dann sehe ich den tanzenden Körper wieder.

Mit jeder neuen Wiederholung höre ich  weniger auf den Text und die Musiklinie. Endlich vermag ich den Tanz anzuschauen, ohne ihn sofort zu kontextualisieren. Ich merke mir die Posen, die Bewegungsgeschwindigkeit und die enorme Kraft, aus denen sich aber zugleich eine rigorose Leichtigkeit ergibt. Sie tanzt exakt, jeder Schritt ist streng geplant, doch hin und wieder scheint ein Lächeln durch und wirft eine magische und spielerische Nuance auf das Ganze. Durch eine geheime Sprache des Körpers malt die Tänzerin ihre Geschichte, die nur in dem Moment bleibt.

Es hat etwas Gespenstisches an sich, wie diese tanzende Frauenfigur, die im Video keinen hörbaren Atem hat, sich durch undefinierbaren Raum und Zeit bewegt. Allmählich verstehe ich, weshalb ich mich  beim Live-Auftritt sofort auf die tanzende Person fokussierte. Jetzt brauche ich über eine Stunde, um den faszinierenden Tanz anders zu erkennen. Die Beschreibung des Werks ergibt plötzlich  mehr Sinn.

Eine Zeile aus dem gesungenen Text bleibt in meiner Erinnerung: „The archive is a trick of history that makes it look, that we know what we are doing”.

Endlich stehe ich vom Boden auf und verlasse den Raum. Die Performance, die ich gesucht habe, konnte ich nicht  finden. Aber war es sinnvoll einen gleichen Auftritt im Museum zu suchen? Ich überlege mir, ob ich als Zuseherin den Tanz  verstanden habe. In dem Moment möchte ich über mich selbst lachen und ich erinnere mich an einen Satz:

„And in the best dance performance – an answer never comes“ (J. Burrows)

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