Ephemeres in Bewegung und Linie

Ulrike Lienbacher hat mit ihrer Projektarbeit im Museum der Moderne in Salzburg ein Heimspiel. Als gebürtige Salzburgerin beteiligte sie sich als eine von insgesamt neun internationalen KünstlerInnen an der Ausstellung Kunst-Musik-Tanz. Staging the Derra de Moroda Dance Archives.

Zeichnungen von Ulrike Lienbacher in der Ausstellung (c)Rainer Iglar

Zeichnungen von Ulrike Lienbacher in der Ausstellung (c)Rainer Iglar

Ihr sechsjähriges Studium der Bildhauerei am Mozarteum Salzburg lässt sie dabei in ihre Werke einfließen. Der Schwerpunkt in ihrer aktuellen Arbeit liegt in der Verbindung von Tanz und  Medien. Sie möchte das „Phantasma des modernen Tanzes“ aufgreifen und diesen „ephemeren Charakter der Bewegung“ in ihre Zeichnungen übertragen.
Der Objektbestand des ersten von zwei Werken, die sie im Museum ausstellt, besteht aus 15 Bildern. Lienbacher verwendet dazu drei unterschiedliche Größen. Kleine, mittlere und große Bilder, die mittels Lineart in den Farben schwarz, rot, grün, orange, grau und braun belegt werden. In allen Abbildungen erkennt man klare Linien mit einer Struktur, die den Körper portraitieren. Diese malt sie aus der Rück- oder Seitenansicht der jeweiligen Person, Frontalaufnahmen sind in 15 Abbildungen jedoch keine zu erkennen.
Ein weiterer Aspekt der Zeichnungen besteht im verwendeten Körpermaterial. Der Fokus richtet sich auf den Oberkörper und die Beinbewegungen der Tänzerinnen und Tänzer der 1920er Jahre. Kopf und Gesicht sind in der Arbeit wenig berücksichtigt. Um für den Besucher dennoch den Körper vollständig darzustellen, fertigte die Künstlerin für das Museum zwei kleine Zeichnungen an, die detailliert den Kopf und die Gesichtszüge darstellen. Die Tänzerin ist abgebildet mit braunen Haaren, die jedoch nicht als Haare erkennbar, sondern als brauner Farbfleck wahrnehmbar sind.
Faszinierend an ihren Portraits ist die Verschmelzung der Körper ineinander. So wird beispielsweise für jeden Körper eine eigene Farbe verwendet. Der abgebildete Bereich rund um den Solarplexus definiert entweder drei einzelne Körper, die sich hintereinander befinden, oder zu einem Gesamtkörper mutieren.

In einem Interview, aufgenommen am Tag der Ausstellungseröffnung (19. März 2016), beschreibt Ulrike Lienbacher ihre Ausstellungsobjekte folgendermaßen: „Die Werke enthalten klare Linien und eine klare Struktur. Inspiriert sind sie durch die Bilder von Rudolf von Labans Bewegungsnotationen und jeder Pinselstrich ist als Bewegungsfluss zu sehen.

2 Gedanken zu “Ephemeres in Bewegung und Linie

  1. Mich erinnerten Lienbachers Arbeiten an die Bewegungsstudien zur menschlichen Anatomie des deutschen Künstlers Gottfried Bammes. Dieser griff unter anderem den Aspekt der zeichnerischen Darstellung des bewegten menschlichen Körpers auf.

    Bezugnehmend auf Lienbacher würde sich die Frage stellen: Kann der malerische Akt selbst zu einer Art Tanz (im Sinne einer performativen Handlung) werden?

    Ein Einblick in „Complete Guide to Life Drawing“ by Gottfried Bammes: https://www.youtube.com/watch?v=kJyFyNdDryI [02.06.2016]

  2. Beim Betrachten Ulrike Lienbachers Werke drängte sich mir häufig die Frage nach der Bedeutung der verschiedenen Farben in den Lineart-Gemälden auf: Markieren sie den zeitlichen Ablauf von nacheinander abfolgenden Bewegungen, die ein und derselbe Körper vollzieht? Oder stellt jede Farbe einen anderen Körper inklusive der jeweiligen Bewegung dar? Haben die unterschiedlichen Farbgebungen darüber hinaus vielleicht eine andere (psychologische?) Bedeutung, die sich dem Betrachter erst nach intensiverer Auseinandersetzung mit der Künstlerin, ihrer Biographie und ihres künstlerischen Stils, vielleicht aber auch niemals, erschließen wird?

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