how to not fall asleep during a lecture

21. April 2016, ca. 18:00. Ich sitze im Halbdunkel und lausche Vorträgen über Archive und Archivierung in einer Veranstaltungsreihe des Tanzquartiers Wien. Internationale Vortragende nähern sich dem Thema aus unterschiedlichsten Richtungen an: Wie werden bestehende Archive digitalisiert? Wie hoch ist die Gefahr von transpirierenden Körpern für Museumsobjekte? Wie können sich TänzerInnen und ProgrammiererInnen (Creative Coder) einander nähern? Welche Erschließungstiefe wird bei der Archivierung von Rosalia Chladeks Nachlass erreicht?

Nach einer Stunde des aufmerksamen Zuhörens beginnen meine Gedanken immer wieder abzutriften. Ich lasse meinen Blick durch den Raum schweifen und beobachte – möglichst unauffällig – meine SitznachbarInnen von der Seite. Eine Person erregt meine Aufmerksamkeit besonders, obwohl sie sich eigentlich nicht von den anderen BesucherInnen unterscheidet: Sie hört zu und macht sich Notizen. Und doch muss ich immer wieder auf das weiße A4 Papier schauen, das sich zunehmend mit schwarzen Zeichen füllt. Die Handschrift ist klein, eng geführt und kursiv geschrieben und für mich völlig unlesbar. Nicht der Inhalt, sondern die Graphik der Notizen lässt mich immer wieder hinschauen. Die Wörter reihen sich nicht – wie anzunehmen – zeilenförmig von links oben nach rechts unten, sondern folgen einer anderen Logik. In der Mitte des Blatts befindet sich ein eingekreistes Wort=Wortblase. Alle weiteren Wortblasen fügen sich kettenförmig ans Zentrum und ergeben also Wortblasen-Strahlen. Im Laufe des Vortrags entsteht aus Blasen und Strahlen eine freundliche WORTSONNE. Und plötzlich fällt mir ein, woran mich diese Sonne erinnert…

In der Pause spreche ich meine Sitznachbarin auf ihre Notizen an. Lia Perjovschi lächelt mich an und verrät mir, dass ihre Wortsonnen für sie nicht nur eine effektive Dokumentations- und Reflexionsform darstellen, sondern auch ein hervorragendes Mittel wären, um bei Vorträgen nicht einzuschlafen.

5 Gedanken zu “how to not fall asleep during a lecture

  1. Als ich im Wintersemester einmal meine Mittagspause im Archiv verbracht habe, ist mir gegenüber eine Dame gesessen, mit Fotoapparat und Handy in der Hand, die einfach wahllos durch verschiedene Bücher stöberte und immer wieder Seiten daraus abfotographierte.
    Dass sie nicht zum Universitätspersonal gehörte, sondern wegen Recherchearbeiten in den Derra de Moroda Archives war, ist mir schnell klar geworden. Allerdings stellte ich erst bei der Ausstellungseröffnung am 19. März fest, dass es sich bei dieser Dame um Lia Perjovschi handelte.
    Im Nachhinein möchte ich sagen, dass ihre doch etwas eigenwillige Arbeitsweise erst jetzt einen Sinn für mich ergibt, da sie schon damals im Archiv mit Papier und Stift bewaffnet an ihren „Sonnenbildern“ gearbeitet hat.

    • Ich habe ebenfalls ein paar der Künstler in der Zeit vor unserer Lehrveranstaltung gesehen und gerätselt, was sie dort wohl vorhaben. Tatsächlich habe ich auch Sergei Tcherepnin gesehen, ohne zu wissen, dass ich mich schon bald mit seiner Arbeit auseinandersetzen werde, was ich mittlerweile besonders spannend finde. Umso interessanter ist es auch, über die Arbeitsweisen, die ich damals etwas beobachtet habe, zu reflektieren, wenn ich die Ergebnisse in der Ausstellung vor Augen habe.

  2. Manchmal kann der unterschiedliche Umgang mit der Information wirklich rätselhaft anmuten. Wenn ich an die Werke Lias denke, stellen sich mir viele Fragen über die Systeme, Kontexte und Prozesse. Wo und wie fängt das Archiv an?

    • Ein anderer Gedanke von Lia Perjovschi, der mir zum Thema Archiv in Erinnerung geblieben ist, lautete zirka: „I do not want to create more chaos, there is already so much chaos out there…“

      Archiv = eine mögliche Form der Ordnung? Warum also nicht in Sonnenform?

    • Meiner Meinung nach verbirgt sich hinter Lias Arbeit schon eine Art Struktur. Sie ist sehr offen an das Ganze herangegangen und hat ihre Assoziationen zu dem Thema (Archiv, Tanz, Körper, Moderne …) in ein System gebracht, und zwar eben in dieser „Sonnenform“. In der Mitte ist das Zentrum, von dem sich die „Wortstrahlen“ ausbreiten, die sich dann meist wiederum in sich unterteilen.
      Da sie im Grunde vorher wenig mit Tanz zu tun hatte, kamen ihr natürlich viele Fragen in den Sinn, die sie versucht hat zu beantworten. Die gesammelten Informationen brachte sie in Form einer Sonne, wie Laura es so schön formulierte, zu Papier. Und daraus entstand dann dieses „Archiv“.

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