Zurück in die Vergangenheit – Eine Begegnung von Erinnerungen

Beinahe der Choreographie eines (kreisenden) Reigentanzes ähnelnd, wird der Museumsbesuchende durch die Ausstellung geführt. Alles dreht sich darum, vergessene Erinnerungen zu vergegenwärtigen. Paulina Olowskas und Eszter Salamons Beiträge zeichnen sich meiner Ansicht nach durch ihre künstlerisch motivierte und doch subjektive, ja beinahe persönliche Annäherung an das Archiv aus. Warum drängt sich mir die Frage auf, dass Eszter Salamon ihren Beitrag vor den Augen der Zuschauer versteckt halten wollte? Die unbeleuchtete Nische, in der sich Salamon in Form gesprochener „Liebesbriefe an Valeska Gert“ wendet, befindet sich etwas abseits vom Geschehen und lädt den Besucher in eine dunkle verborgene Welt ein – wenn er nicht vorher blind an ihr vorüber gelaufen ist. Schon das Verlassen des vorgezeichneten Weges und das Eintreten in die Dunkelheit selbst, gestaltet sich als märchenhafte Überleitung: Oxymonorisch formuliert: Der Besuchende muss zuerst einen ‚eckigen Bogen‘ passieren. Dabei werden die gewohnten Größen- und Raumverhältnisse des Alltags überwunden. Im Prozess des Durchschreitens des überdimensionalen Vorhangs fühlt sich der Besuchende schließlich mauseklein.

Auch die polnische Künstlerin Paulina Olowska spielt mit widersprüchlichen Elementen. Bereits die Anordnung der Werke lässt darauf schließen: Abwechselnd werden jeweils stilistisch kontrastierende Ölgemälde aneinander gereiht. Abstraktion konstrastiert Popart. Eckige Formen treffen auf fließende Farbfragmente. In dem Ölgemälde „Pavlova Painting“ verwandelt sich die Tänzerin Anna Pavlova zu einer verschmitzt oder nachdenklich  schauenden Malerin, deren künstlerische Umsetzung in dem Ölgemälde dem Vorbild der originalen Fotographie gleicht. Typisch für Paulina Olowska ist die Verarbeitung der historischen sowjetischen Ästhetik, indem sie damalige Kunst- und Designgeschichte, Architektur, Raumgestaltungen, traditionelles polnisches Handwerk, Puppenspiel, funktionale Kulissen, Mode, Pop Art, Dadaismus, Graffiti, Sowjetische Propaganda und Werbung in ihren Werken mixt.

Bedeutende Frauen aus Kunst und Literatur spielen in Paulina Olowskas künstlerischer Praxis eine ebenso wichtige Rolle, wie auch in dieser Ausstellung. Außerdem bezieht sich Paulina Olowska auf eigene Biographie und ihre Familiengeschichte. In einem Ölgemälde verewigt sie ihre eigene Tante, die Tänzerin Krystyna Mazurowna. Biographie und Kunst verschmelzen mit dem Archiv der Namensgeberin, der Tänzerin und Sammlerin Derra de Moroda, der im Kontext der Ausstellung Leben eingehaucht wird. Abgesehen von den Bildtiteln fehlen kontextualisierende Beschreibungen.

Es entsteht der Eindruck, als würfe das Archiv, das einerseits Aufschluss über die Vergangenheit bietet, nun noch mehr Fragen auf: Wer war Olowskas Tante? War Anna Pavlova nicht nur tänzerisch aktiv? Welcher Unterton schwingt in der künstlerischen Adaption kontrastreicher Formen und Farben? Wird das Archiv etwa auf künstlerische Manier infrage gestellt? Im Gegenteil: Olowskas Interesse an der Reaktivierung „vergessene[r] Materialien der Vergangenheit“ regt den Besucher vielmehr dazu an, sich selbst auf den Weg in das Derra de Moroda Archiv zu begeben und die Spuren der Tanzgeschichte auf eine Weise zu verfolgen.

Ein Archiv als Ort, Raum und Konservator spiegelt das kulturelle, biologische und politische Leben wider – und ist demnach ambivalent wie das Leben selbst.

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