Stimme als Er-Innerung

 

Dear Valeska,…

Eine Hommage an die Tänzerin, Schauspielerin und Kabarettistin Valeska Gert, eine Ausnahmeerscheinung im Berlin der 1920er Jahre. Sie konnte kreischen wie ein Baby, fluchen wie eine Hexe und den Tod auf der Bühne imitieren. Mit ihrem weiß gepuderten Gesicht, den roten Lippen und kohlschwarzen Haaren erinnerte sie mehr an eine groteske Kunstfigur, als an eine elegante Tänzerin (die sie auch vehement nicht sein wollte). Aber wer steckte hinter dieser Maske? Wer war die Frau, an die Eszter Salamon ihre Liebesbriefe richtet?

Verborgen in einem abgedunkelten Raum, mit nichts als zwei Bänken an den Wänden, wird man als Besucher_in aufgefordert, zu hören. Dem zu lauschen, was Valeska Gert zu sagen hatte. Verstrickt in einen fiktiven Dialog unterhält sich die Choreografin Eszter Salamon mit der Performerin. Man erfährt so einiges über das Leben und Wirken der (in Vergessenheit geratenen) Erscheinung. Beispielsweise eine »Geschichte«, in der Gert nach New York emigrierte und sich als Aktmodell über Wasser hielt.  Dafür musste sie Stunde um Stunde in Bewegungslosigkeit verharren. Sie, die „wildeste Nummer im Berlin der Goldenen Zwanziger“  (Schlöndorff) hatte dazusitzen und still zu sein.

Salamon will Valeska Gert wieder zum Leben erwecken und hebt prägnante Stationen ihres Schaffens sowie alltägliche Gegebenheiten, wie die detaillierte Schilderung der Kargheit von Gerts Frühstück, hervor. Verzückt das Gebrabbel in Baby, wird einem beinahe Angst und Bange zu mute, wenn „Gollum-anmutende“ Geräusche erklingen und die Dunkelheit des Raumes noch deutlicher spürbar ist. Die eindringliche Darbietung der Arbeit Salamons lässt dem Publikum Raum, um die eigene Fantasie spielen zu lassen. Es gibt weder Bilder, noch Videos, mit denen die Choreografin die Vergegenwärtigung Valeska Gerts veranschaulicht. Nein, vielmehr ist es ein Erschrecken, ein Erschaudern, ein Lachen oder auch ein Erstaunen, das die Künstlerin hervorbringen möchte. Es scheint, als gelange man mit Betreten des Raumes in eine Art Zwischenwelt, in der Gegenwart und Vergangenheit zusammenfließen.

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Valeska Gert http://www.theatermuseum.at

Interview mit der 83-jährigen Valeska Gert in der Talkshow: „Je später der Abend“, 1975: https://www.youtube.com/watch?v=2Xgpvta0UMA [10.04.2016].

(Ab Minute 28: Performance/Pantomime: Baby)

3 Gedanken zu “Stimme als Er-Innerung

  1. Out of the light – into the dark!
    Besonders spannend war hier das Beobachten der Museums-Besucher – soweit das tiefe Schwarz der Black Box dies überhaupt zuließ. Zwar lässt die angebrachte Sicherheits-Beleuchtung den Museumsbesucher nicht gänzlich im Dunkeln und weist den Weg ins Freie, jedoch wird der/die an Reizüberflutung gewohnte MuseumsbesucherIn, wie Lisa K. bereits eingehender erläutert hat, vor eine ungewohnte Herausforderung gestellt. Der/die BetrachterIn fühlt sich der tiefen Dunkelheit ausgeliefert. Man fühlt sich klein, scheu, ängstlich und gleichzeitig mutig, wenn man es schließlich wagt, den ’sicheren‘ Eingangsbereich zu verlassen und sich blind auf den unbekannten Pfad des schwarzen Raums zu begeben. Jedoch haben sich nur wenige Besucher getraut, aus dem hellen Bereich heraus zu treten – hinein in die Dunkelheit.

  2. Ich finde es sehr interessant, wie dieser Raum polarisiert. Ich denke, durch das Betreten der Black Box kommt es zu einer konfrontativen, körperlichen Erfahrung. In einer musealen Situation wird durch die grobe Ausblendung des Sehsinn, der Fokus auf das eigene physische Empfinden gesetzt. In einer Ausstellungssituation vermögen wir uns rational und mit einem gewissen Abstand durch Räumlichkeiten zu bewegen; in diesem dunklen Raum aber, wissen wir vielleicht gar nicht mehr wo dieser Abstand zu finden ist? Die körperliche Erfahrung scheint noch intensiver zu wirken, als auf einer rein optischen Ebene. Das Denken mit dem Körper.
    (Wahrnehmung, – erinnert mich an eine „kinästhetische Wahrnehmung“, siehe Anna Halprin, weiters auch Simone Forti/ auch im Zusammenhang wie Sprache, Worte Bewegung verändern)

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